Verbotenes Ballett über Rudolf Nurejews Flucht polarisiert weltweit
Ein mutiges Ballett über Rudolf Nurejews dramatisches Leben sorgt seit seiner Entstehung für politische Kontroversen. Die Produktion mit dem schlichten Titel Nurejew zeichnet seinen Weg vom aufmüpfigen Schüler im sowjetischen Leningrad zum internationalen Star nach, der in Frankreich überlief. In Russland kürzlich verboten, zieht das Ballett weiterhin Aufmerksamkeit auf sich – wegen seiner künstlerischen Wucht und der realen Kämpfe, die dahinterstehen.
Urageführt wurde das Stück 1995 am Berliner Staatsballett, doch seine prominenteste Inszenierung erlebte es 2017 am Moskauer Bolschoi-Theater. Der Choreograf Juri Possochow, ein ehemaliger Bolschoi-Tänzer aus Luhansk in der Ukraine und heute US-Bürger, schuf die Produktion gemeinsam mit dem Regisseur Kirill Serebrennikow. Serebrennikow durfte die russische Premiere jedoch nicht besuchen und wurde später wegen Untreue verurteilt – ein Verfahren, das weithin als politisch motiviert gilt.
Die Handlung beginnt mit Nurejews Ausbildung an der Waganowa-Ballettakademie in Leningrad, wo er mit 17 unter strenger sowjetischer Kontrolle stand. Die Behörden verweigerten ihm wegen disziplinarischer Probleme wiederholt Auslandsauftritte, was seinen Widerstandsnerv nur schärfte. 1961 nutzte er einen Zwischenstopp in Paris zur Flucht: Statt in die UdSSR zurückzukehren, beantragte er am Flughafen Le Bourget Asyl. Die erste Szene des Balletts ist von dieser Spannung durchdrungen, inszeniert vor einer prunkvollen Bühne mit Requsiten aus Nurejews Nachlass – der 1995 versteigert wurde.
Doch der zweite Akt, trotz seines glanzvollen Spektakels, vermag die rohe Energie des Beginns nicht ganz einzufangen. Die Themen künstlerische Freiheit und queere Identität führten 2023 zum Verbot des Stücks in Russland – begründet mit Gesetzen gegen sogenannte "Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen". Possochow, der weiterhin zum Repertoire des Bolschoi beiträgt, sieht sein Werk nun zerrieben zwischen künstlerischem Triumph und politischer Unterdrückung.
Nurejew bleibt ein beeindruckendes Denkmal für einen Tänzer, der Grenzen und Konventionen sprengte. Sein Verbot in Russland unterstreicht den anhaltenden Konflikt zwischen künstlerischem Ausdruck und staatlicher Zensur. Für Zuschauer außerhalb Russlands bleibt die Produktion zugleich eine Hommage an Nurejews Erbe und eine Mahnung an die Risiken, die jene eingehen, die Macht infrage stellen.






